Eine historische Frage zur Linienbezeichnung

15 Beiträge
13.04.2013, 13:08#1
Liebe User, hier eine Frage aus der Geschichte der Wiener Straßenbahnlinien. Wie wir wissen, erhielten jene Linien, die über die Wiener Stadtgrenze hinaus nach NÖ fuhren die Hunderterstelle 3 zugeteilt. Es gab 3 Linien: 317 nach Groß-Enzersdorf, 331 nach Stammersdorf (Stammersdorf wurde erst spät nach Wien eingemeindet als es die Straßenbahn längst schon gab) und 360 nach Mödling. Und jetzt meine Frage: Warum wurde die Linie nach Schwechat (das außer in der Hitlerzeit nach meiner Kenntnis nie zu Wien gehörte) als 72 und nicht als 371 bezeichnet. Die Frage mag albern erscheinen, aber irgend einen Grund muss das ja gehabt haben. Weiß einer von euch etwas darüber? Besten Dank im voraus, Öffi Freund ?(
13.04.2013, 13:24#2
Die Hunderterstelle sagt ja nichts darüber aus wo die Linie hinfährt (Wien/NÖ) sondern das es sich um eine Abzweig-, Verlängerungs- oder Verkürzungslinie handelt.
14.04.2013, 11:49#3
Die Hunderterstelle sagt ja nichts darüber aus wo die Linie hinfährt (Wien/NÖ) sondern das es sich um eine Abzweig-, Verlängerungs- oder Verkürzungslinie handelt.
Das ist meines Wissens nach nicht richtig. Was du meinst ist die Hunderterstelle 1 (117 als Abzweigung von 17, 157 als Verkürzung von 57, 158 als Verlängerung von 58 etc. usw.). Die Hunderterstelle 2 erhielten dann die verkürzten Kurse der 3 Hunderterlinien, die nicht nach NÖ fuhren, sondern in der Gegend der Stadtgrenze endeten (z.B. 217 nach Englischfeld).
14.04.2013, 19:14#4
Die Hunderterstelle sagt ja nichts darüber aus wo die Linie hinfährt (Wien/NÖ) sondern das es sich um eine Abzweig-, Verlängerungs- oder Verkürzungslinie handelt.
Das ist meines Wissens nach nicht richtig. Was du meinst ist die Hunderterstelle 1 (117 als Abzweigung von 17, 157 als Verkürzung von 57, 158 als Verlängerung von 58 etc. usw.). Die Hunderterstelle 2 erhielten dann die verkürzten Kurse der 3 Hunderterlinien, die nicht nach NÖ fuhren, sondern in der Gegend der Stadtgrenze endeten (z.B. 217 nach Englischfeld).
Schmarrn. Der 260er fuhr ab Rodaun ausschließlich auf niederösterreichischem Gebiet. Und auch der von dir erwähnte 217er kam nach Niederösterreich - vor dem zweiten Weltkrieg lag die Stadtgrenze nämlich bei Aspern. Und nach NÖ kam außerdem bis 1927 der 31er und bis 1961 der 72er. Die Linienbezeichnung hat also nichts damit zu tun, ob eine Linie nach NÖ kam oder nicht.

Die Antwort auf deine Frage ist vielmehr, dass das angeblich so einheitliche Bezeichnungsschema zu keiner Zeit wirklich einheitlich war - 1907, als die Linie 72 eingeführt wurde, war es Usus, die Verlängerung einer Linie mit der nächsthöheren Nummer zu besetzen (wie auch bei 46 - 47; es gab damals noch keine dreistelligen Bezeichner), und daher erhielt die Verlängerung des 71ers die Bezeichnung 72. Anfang der 20er-Jahre, als die ehemaligen Dampftramwaylinien nach Groß-Enzersdorf und Mödling elektrifiziert und ins Liniennetz eingegliedert wurden, waren keine passenden zweistelligen Linienbezeichner mehr frei und daher hat man 2xx und 3xx Nummern vergeben, wobei die Zehner- und Einerstelle jeweils die verlängerte Linie angaben. Und das wiederholte sich 1927, als die Floridsdorfer Linien neu geordnet wurden, noch einmal.

Die Wahl fiel übrigens auf 2xx und 3xx, weil die Bezeichnung 117 ja schon vergeben war. Und die Dreihunderter-Stelle kennzeichnete zusätzlich noch eine Besonderheit dieser Linien: für deren äußeren Äste galt nämlich ein eigener Tarif (die sog. Tarifzone II).
Dieser Beitrag wurde 2-mal editiert, zuletzt von Ferry (15.04.2013, 08:29)
15.04.2013, 11:18#5
Danke für die Aufklärung. Das war mir echt neu. :daumenhoch:
15.04.2013, 11:25#6
Danke für die Aufklärung. Das war mir echt neu. :daumenhoch:
Ergänzend wäre noch zu erwähnen, dass natürlich auch ein Grund für die Wahl von 2xx/3xx in der Form der beiden Hunderterziffern begründet war - da die beiden Ziffern in der oberen Hälfte gleich aussehen, musste nur im unteren Teil eine drehbare Klappe konstruiert werden, die entweder den vorderen Bauch des Zweiers oder den hinteren Bauch des Dreiers abgedeckt hat, wodurch solcherart ausgeführte Scheiben auf beiden Linien eingesetzt werden konnten.
15.04.2013, 11:33#7
Ergänzend wäre noch zu erwähnen, dass natürlich auch ein Grund für die Wahl von 2xx/3xx in der Form der beiden Hunderterziffern begründet war - da die beiden Ziffern in der oberen Hälfte gleich aussehen, musste nur im unteren Teil eine drehbare Klappe konstruiert werden, die entweder den vorderen Bauch des Zweiers oder den hinteren Bauch des Dreiers abgedeckt hat, wodurch solcherart ausgeführte Scheiben auf beiden Linien eingesetzt werden konnten.
Auf diesen technischen Kniff kann ich mich noch sehr gut erinnern. Noch eine abschließende Frage: Gabs das bei anderen Linienscheiben auch? Ich bilde mir ein, einmal eine Scheibe eines Tk gesehen zu haben, bei dem das k abgedeckt werden konnte, so dass ein T entstand. Und auf der Favoritenstraße habe ich einmal einen 67 gesehen, bei dem die Linie nach rechts verrückt war, womöglich durch Abdeckung einer vorderen 1 (Linie 167).
15.04.2013, 11:53#8
Auf diesen technischen Kniff kann ich mich noch sehr gut erinnern. Noch eine abschließende Frage: Gabs das bei anderen Linienscheiben auch? Ich bilde mir ein, einmal eine Scheibe eines Tk gesehen zu haben, bei dem das k abgedeckt werden konnte, so dass ein T entstand.

Das gab es auch bei den anderen Linien wie A(k), B(k), N(k), ...


Und auf der Favoritenstraße habe ich einmal einen 67 gesehen, bei dem die Linie nach rechts verrückt war, womöglich durch Abdeckung einer vorderen 1 (Linie 167).

Auch das gab es bei den anderen Hunderterlinien.

Und beim 78/80 gab es IMHO ebenfalls eine Klappe bei der eine teilweise Abdeckung möglich war.
15.04.2013, 12:34#9
29er: Vielen Dank auch dir für die Auskunft! :daumenhoch:
15.04.2013, 13:30#10
Auf diesen technischen Kniff kann ich mich noch sehr gut erinnern. Noch eine abschließende Frage: Gabs das bei anderen Linienscheiben auch? Ich bilde mir ein, einmal eine Scheibe eines Tk gesehen zu haben, bei dem das k abgedeckt werden konnte, so dass ein T entstand.

Das gab es auch bei den anderen Linien wie A(k), B(k), N(k), ...


Und auf der Favoritenstraße habe ich einmal einen 67 gesehen, bei dem die Linie nach rechts verrückt war, womöglich durch Abdeckung einer vorderen 1 (Linie 167).

Auch das gab es bei den anderen Hunderterlinien.

Und beim 78/80 gab es IMHO ebenfalls eine Klappe bei der eine teilweise Abdeckung möglich war.
Klappen zum Verdecken der Hunderterstelle gab es fast bei allen solchen Scheiben (NICHT aber zB. bei 106, 158, 160, 181). Eine Besonderheit war 157, wo durch Verschieben einer Abdeckung wahlweise 57 oder 157 - und zwar im Gegensatz zu den Scheiben mit Abdeckklappe immer mittig - dargestellt werden konnte. Und ja, die 78/80 Scheiben hatten eine Klappe, mit der wahlweise 78 oder 80 abgedeckt werden konnte.

Die komplizierteste Scheibe war zweifellos die für 25/25K/25R, die mit zwei Klappen zur Darstellugn des "R" (beide Klappen offen), "K" (die untere Klappe zu, die obere offen) oder 25 (beide Klappen zu) ausgerüstet war und die darüberhinaus auch noch einen Querbalken (zur Darstellung von 25/ (25 gestrichen)) besaß.
Dieser Beitrag wurde 1-mal editiert, zuletzt von Ferry (15.04.2013, 16:10)
15.04.2013, 16:41#11
Die komplizierteste Scheibe war zweifellos die für 25/25K/25R, die mit zwei Klappen zur Darstellugn des "R" (beide Klappen offen), "K" (die untere Klappe zu, die obere offen) oder 25 (beide Klappen zu) ausgerüstet war und die darüberhinaus auch noch einen Querbalken (zur Darstellung von 25/ (25 gestrichen)) besaß.
Super. Danke. Aber wie war das mit dem R und dem K? Müsste nicht beim K umgekehrt die obere zu sein um aus dem R ein K zu bekommen oder habe ich da was falsch verstanden? Und wenn ich jetzt noch (ein bisschen unverschämt) weiter fragen darf: Wie war das bei den Linien 24R und 24K? So wie beim 25er? Besten Dank im voraus Öffi Freund :daumenhoch: :daumenhoch:
15.04.2013, 18:39#12
Hoffentlich helfen die folgenden Bilder aus der Datenbank, Deine Fragen zu beantworten...

Foto Nr. 21104

Foto Nr. 21105

Foto Nr. 21106

Foto Nr. 21112
16.04.2013, 09:17#13

Aber wie war das mit dem R und dem K? Müsste nicht beim K umgekehrt die obere zu sein um aus dem R ein K zu bekommen oder habe ich da was falsch verstanden?
Die Antwort auf diese Frage sollte auf dem letzten Bild vom Posting des Users "67er" zu entnehmen sein - die untere Klappe bedeckte lediglich den oberen Strich des "R", wodurch ein "K" (mit einer etwas verkürzten und gekrümmten Oberkante) entstand.

Zitat
Und wenn ich jetzt noch (ein bisschen unverschämt) weiter fragen darf: Wie war das bei den Linien 24R und 24K? So wie beim 25er?
Nein; die Scheiben für 24, 24K und 24R waren immer getrennt. DIe Bäderlinien 24K und 24R kamen ja schon 1938, da hatte man offensichtlich noch nicht solche gefinkelte Einfälle wie bei den 1956 eingeführten HVZ-Linien 25K und 25R. Außerdem verkehrten Letztere ja wesentlich öfter als die Bäderlinien, dadurch war es betrieblich sinnvoll, Scheiben zu entwerfen, die auf allen drei Linien eingesetzt werden konnten.
16.04.2013, 11:07#14
Alles klar! Danke Allen, die mir da weiter geholfen haben! :daumenhoch:
16.04.2013, 11:40#15

DIe Bäderlinien 24K und 24R kamen ja schon 1938, da hatte man offensichtlich noch nicht solche gefinkelte Einfälle wie bei den 1956 eingeführten HVZ-Linien 25K und 25R. Außerdem verkehrten Letztere ja wesentlich öfter als die Bäderlinien, dadurch war es betrieblich sinnvoll, Scheiben zu entwerfen, die auf allen drei Linien eingesetzt werden konnten.
Dazu noch eine Ergänzung: Die ersten Scheiben für 25K und 25R waren auch noch getrennt, die umstellbaren kamen erst später. Am 25er war es üblich, dass Züge von der Stammlinie auf die HVZ-Linien und umgekehrt gingen. Hingegen waren 24 und 24K/R stets getrennte Linien, weil der 24er wie sein Vorgänger C ja über Heinestraße/Taborstraße/Schwedenplatz fuhr, die Bäderlinien hingegen über Praterstraße/Aspernbrücke den Ring erreichten. Auch waren die Bäderlinien, als der 24er den Schwedenplatz erreichte (1960), nicht mehr in Betrieb (1959 eingestellt). Der Bedarf für umstellbare Scheiben war also auf diesen Linien nie gegeben.