Selbständige Tramway

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14.11.2004, 04:31#1
Ich habe im Rätselforum zwei Geschichten gebracht, über Straßenbahnen, die sich davongemacht haben. Weil es WeSt anscheinend gut gefallen hat, hier noch ein paar Beispiele.

Ja, wenn's so lustig ist, da gibt es noch eine weitere ähnliche Geschichte, diesmal aus St.Pölten. Ein(er der wenigen) Triebwagen der Straßenbahn sollte in die Remise einziehen. Die Remise ist eine kleine dreigleisige Halle in der Daniel Grahn-Straße, das Gebäude existiert immer noch, ist allerdings recht heruntergekommen. Als der Fahrer von der Strecke auf den Vorkopf fahren wollte, ging das Licht aus, nach dem Streckentrenner war der "Saft" weg, weil im Remisenbereich der Fahrstrom ausgeschaltet war. Alle drei Tore waren geschlossen, der einzig anwesende Bedienstete lag in Agonie und kriegte überhaupt nichts mit - manche würden auch etwas weniger vornehm sagen, er war "im Öl". Der Fahrer stieg aus und begab sich, vermutlich einen kleinen Fluch auf den Lippen, in die Halle zum Speiseschalter und schaltete den Fahrstrom ein, schließlich sollte der arme Triebwagen nicht im Freien übernachten. Womit er aber nicht gerechnet hatte, war die Selbständigkeit mancher Tramway! Die verzichtete doch glatt auf ihren Führer und beschloss in Eigenregie einzuziehen. Kaum dass sich der gute Mann umgedreht hatte, gab's einen lauten Krach und der Triebwagen kam durch das geschlossene Hallentor, fuhr noch weiter und schubbste seine dort wegen eines Schadens aufgebockte Kollegin, eine Tramwaylokomotive, von ihren Stützen. Da diese dadurch gegen den Prellbock stürzte, war das ganze Spektakel damit zu Ende. Welches Nachspiel es gab, weiß ich nicht, sie werden vermutlich kräftig gestritten haben, und in den nächsten Tagen (Wochen?) die Schäden in Eigenregie behoben haben. In diesem Mini-Betrieb war üblicherweise jeder für alles zuständig.


Eine C1-Geschichte. Um sich den Einziehvorgang etwas komfortabler zu gestalten, ist folgender (natürlich verbotene) Vorgang eingerissen. War auf C1/c1-Zügen der Beiwagenschaffner ein sogenannter Fahrer/Schaffner, also ein Bediensteter mit beiden Verwendungen, so hatte er (illegal) einen Umkehrhebel mit. Wurde ein Zug eingezogen, hüpfte der Triebwagenschaffner runter und ward nicht mehr gesehen (ihn brauchte keiner und der Dienstschluss oder die Pause rief). Der Fahrer schaltete den Fahrschalter auf "Rangieren" und legte die erste Fahrstufe ein. Am Beiwagen ging der Schaffner mit seinem Umkehrhebel zum Rangierpult und führte den Zug im Rückwärtsgang in die Halle. Das funktionierte sehr gut und war sicher auch bequemer und schneller für alle. Aber der Teufel schläft nicht! Eines Tages war der Beiwagen-Schaffner kein Fahrer (vielleicht auch nur nicht in diesen Brauch eingeweiht) und ist daher gleichzeitig mit dem Triebwagen-Kollegen ausgestiegen und ins Expedit gegangen. Der Fahrer nichtsahnend, schaltete den Umkehrhebel vermeintlich auf "Rang", erwischte jedoch (ohne es zu merken) die Stellung "Rückwärts". Als er den Fahrschalter auf die erste Fahrstufe schaltete, setzte sich der Zug in Bewegung. "Ah, fahr ma schon!" dachte er und war sehr erfreut, dass der Kollege am Beiwagen so fix war und ohne Verzögerung zügig in die Halle fuhr. Mit verschränkten Händen blieb er am Fahrerplatz sitzen und verstand wahrscheinlich plötzlich die Welt nicht mehr, als es fürchterlich rumpelte und er sich die Birne an der Glascheibe hinter sich anhaute. Auch so kann man seine Karriere beenden.


Auch ein 40er vertschüsste sich einmal (s'envoler anglaise sagt der Franzose vornehmer). Keiner weiß, wie es geschah, plötzlich war er nicht mehr da! Und was tat er? Völlig verlassen von seinen Betreuern mitten im schönen Währinger Cottageviertel beschloss er sich langsam und leise davonzustehlen. Nur leider, in der Hasenauerstraße wurde ihm sicher schon ungemütlich, da geht's ganz schön bergab. Und es kam wie es kommen musste, die Kurven im Kreisverkehr am Richard Kralik-Platz waren doch zu scharfe Kost, und so ganz ohne Betreuer blieb dem Armen kein anderer Ausweg, als sich auf die Seite zu legen und auf seine lieben Menschen zu warten.


Sicher "lustig" waren auch die anfänglichen Versuche auf der Wiener U-Bahn automatische Wendefahrten durchzuführen. Die Züge fuhren sehr brav und alleine in die Wendeanlage, aber ob sie auch wiederkamen, war oft ein Lotteriespiel. Das war aber weniger schlimm. "Blöd geschaut" haben sicherlich jene Fahrer, deren Zug sich ohne Problem rufen ließ, aber dann ohne Halt an ihnen vorbeifuhr. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das im Fahrgastbetrieb vorgekommen ist, oder nur in den ersten Versuchen - jedenfalls wurden damals die automatischen Wendefahrten fürs erste einmal ausgesetzt.


Besten Gruß.
14.11.2004, 09:43#2
Schöööön!

In Hannover ist einmal eine originelle Entgleisung passiert, allerdings sogar mit Fahrer drin. In der alten zeit gabs dort lange Überlandlinien. Auf einer dieser Linien sollte die "Blaue" in die Remise einziehen, und es hatte sich eingebürgert, daß die Besatzung des vorletzten Zuges in der remise wartete, damit dann alle gemeinsam heimfahren konnten. So warteten sie eines klirrend kalten Wintertages auf die Blaue und konnten schon die Lichter in der Ferne sehen. Plötzlich verschwanden sie. Sie warteten einige Zeit und gingen dann suchen. Was war passiert? Der Wagen war auf einer Brücke entgleist und über das Brückengeländer in den Fluß abgebogen...
Fahrer und Schaffner waren aber unverletzt.
14.11.2004, 10:39#3
Ich kenn einige spektakuläre und witzige Unfälle von meinem Vater, als er noch mit der Tramway fuhr. Wenn du willst kann ich sie dir ja auch erzählen.

mfg ulf67
14.11.2004, 12:09#4
RE: Selbständige Tramway
Geniale Geschichten!!!

@Ulf67

Auch wenn nicht ich angesprochen bin, mir kannst du sie gerne erzählen! :D
14.11.2004, 12:48#5
RE: Selbständige Tramway
Zitat
Original von hema
Eine C1-Geschichte.

War das zufällig im Bhf. Simmering? Dort gab es nämlich Anfang der 80er-Jahre einen Zwischenfall, beim Einziehen in die Wagenhalle, wodurch der Beiwagen irreparable Schäden davon trug und skartiert werden musste.

mfg Clemens
14.11.2004, 13:17#6
@hema: Köstlich :D

In den alten Stadtbahnzeiten - vor der Eröffnung der Station Michelbeuern noch - war das Expedit in der Station Alser Straße, ca. in der Mitte der Station. Nun hatte es sich eingebürgert, daß die Stadtbahnfahrer beim Einfahren in die Station einfach die Bremse des N1 angelegt hatten und beim Expedit abgesprungen sind. Der Zug bremste sich dann bis zum Bahnsteigende ein.
Bis eines Tages ein Revisor am Bahnsteig stand. Der Fahrer sprang ab, erkannte den Revisor und lief darauf hin schnell dem Triebwagen wieder nach...
14.11.2004, 13:21#7
@Ulf67: Ja bitte gern!

@Clemens: Könntest recht haben, die Story kenn ich auch!

In Kagran hat ja einmal ein U-Bahner die hintere Hallenwand durchbrochen...

Am Stadtverkehrstreffen hat jemand die Geschichte erzählt, wo ein 6er genau an der gleichen Stelle 2x entgleist ist, einmal nach links und einmal nach rechts. Kommentar: Dann hätts eigentlich nur mehr eine Möglichkeit gegeben: "Fahr ma gradaus weiter, spü ma 106er..."

Am 39er ist ja einmal einem (vermutlich leicht... öööhm... "illuminierten") Fahrer mitten in der HVZ ein vollbesetzter K beim Bergabfahren ausgekommen, ist bei der Vereinigung 37/ 38+39 in der Kurve entgleist und hat den in der Haltestelle stehenden Gegenzug abgeschossen. Das hat ziemlich Brösel gegeben! In der Fotokiste ( www.web-fotokiste.at.tt ) gibts Fotos davon.
14.11.2004, 13:35#8
Hallo!

So eine Geschichte gab es in Simmering! Nur war in diesem Fall der TW-Schaffner und der Fahrer ausgestiegen. Nur bis sie es bemerkt haben waren der 3 C1-c1 Schrott. Ein Zug dieser 3 war irreperabel. Die Geschichte hat einen Schönheitsfehler, sie trug sich anders als beschrieben zu! Da es sich ja um ein Rätsel handelt möchte ich nicht jetzt schon die Lösung bzw. richtig Geschichte verraten. Zum Zeitpunkt diese Zwischenfalls gab es schon die Schaffnerlosen Beiwagen. Weiters hat der Tw-Schaffner die Weichen umgestellt und ist dann in den BW eingestiegen hat sich mit dem 17er Schlüsel das Rangierpult geöffnet und ist dann gefahren. Am C1-c1 brauchte man zum Fahren keinen Umkehrhebel da der Rangierfahrschalter mittels Tasten betätigt wurde.

MfG

XILEF
14.11.2004, 13:49#9
Die C1-Geschichte hat mir vor Jahren ein (mittlerweile verstorbener) alter Straßenbahner erzählt. Der Vorfall dürfte etwa 1962 gewesen sein, ich glaube er sagte in Ottakring, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Jedenfalls von schaffnerlosem c1 war noch lange keine Rede. Aber sicherlich sind ähnliche Dinge öfters passiert.
14.11.2004, 13:58#10
Zitat
Original von WeSt

Am 39er ist ja einmal einem (vermutlich leicht... öööhm... "illuminierten") Fahrer mitten in der HVZ ein vollbesetzter K beim Bergabfahren ausgekommen, ist bei der Vereinigung 37/ 38+39 in der Kurve entgleist und hat den in der Haltestelle stehenden Gegenzug abgeschossen. Das hat ziemlich Brösel gegeben! In der Fotokiste ( www.web-fotokiste.at.tt ) gibts Fotos davon.


Von einem Ereignis das zwanzig Menschen das Leben kostete und zahlreichen anderen zum Teil schwerste Verletzungen zufügte im Zusammenhang mit kuriosen Zwischenfällen in lockerer Weise zu berichten, ist aber schon sehr unpassend.

SG, Revisor
14.11.2004, 13:58#11
Hallo!

@hema
Das kannst du annehmen, daß in der guten alten Zeit solche Sachen an der Tagesordnung waren. Bei dem Unfall den ich meine hat es dem 103 - 1503 in Sim. das Leben gekostet.

MfG

XILEF
14.11.2004, 15:47#12
Zitat
Original von WeSt
In Kagran hat ja einmal ein U-Bahner die hintere Hallenwand durchbrochen...


Ich warte darauf, daß das einmal in Ottakring passiert... Dann steht der U im gegenüberliegenden Wohnzimmer :D
14.11.2004, 17:56#13
Ich wollt eigentlich aufzeigen, daß nicht alle solchen Ereignisse glimpflich und lustig ausgegangen sind, sondern eben manchmal auch katastrophal. Ansonsten gebe ich dir völlig recht. Sorry wenn das im Zusammenhang falsch angekommen ist.
14.11.2004, 18:12#14
Auch über den C1-Zug 110+1810 gibt es eine ähnliche Story: Der Zug hätte eigentlich nach seiner Skartierung 1996 (wie die anderen C1) nach Sarajewo kommen sollen. Bei den Einschulungen der bosnischen Fahrer in der HW wurde dieser Zug auf einem stromlosen Gleis abgestellt, der Fahrschalter aber irrtümlich auf Fahrstufen belassen. Nach dem Wiedereinschalten der Stromversorgung des betreffenden Gleises machte sich der Zug selbstständig. Auf Grund der daraus resultierenden (leichten) Beschädigungen verblieb der Zug vorerst in Wien, wurde dann von Straßenbahnfreunden in Eigenregie aufgearbeitet und schließlich nach Amsterdam als Dauerleihgabe verfrachtet, da ULHP an diesem Zug kein Interesse gezeigt hatte.

Und hier gibt's eine weitere Story aus der "guten alten Zeit"!
14.11.2004, 19:32#15
Zitat
Original von 95B
Auch über den C1-Zug 110+1810 gibt es eine ähnliche Story:


Ja, die Story hab ich auch schon gehört! Und man kann nur sagen Gott sei dank ist das passiert. So konnte wenigstens ein zweiter C1 überleben, wenn auch leider nicht in Wien. Das ist natürlich extrem schade, denn jetzt haben wir in Wien keinen C1 im Letztzustand.

mfg Clemens
14.11.2004, 22:39#16
Zitat
Original von Linie 41
Zitat
Original von WeSt
In Kagran hat ja einmal ein U-Bahner die hintere Hallenwand durchbrochen...

Ich warte darauf, daß das einmal in Ottakring passiert... Dann steht der U im gegenüberliegenden Wohnzimmer


Nach einer "Überfliegung" der Ottakringer Straße?
So schnell kann die Wiener U-Bahn gar nicht fahren.
15.11.2004, 08:11#17
Aufgrund der vielen Anfragen...
Jetzt die Geschichten, die mir mein Vater aus seiner Fahrerzeit erzählte.

Er fuhr am D in Heiligenstadt richtung Südbahnhof. Wir alle kennen dort die Heiligenstädter Straße, die links neben der Tram-Trasse verläuft. Mein Vater fährt also so, neben im einige Autos, die den Blinker links setzen, er denkt sich "die bigen eh nicht direkt vor mir ab" und plötzlich biegt ein neuer Mercedes doch ab! Mein Vater konnte den E2 nicht mehr bremsen, da der Fahrer des PKW direkt vor dem E2 abbog, also kam es zum Crash. Die erste Reaktion des jungen PKW-Lenkers: "Scheiße, erst an tog in Führaschein und schon s'neiche Auto vom Papa zamkaut!"
Mein Vater konnte über diesen Ausspruch nur lachen.
Verletzt wurde bei diesem Unfall niemand.

Ein weiterer Unfall ereignete sich am O. Eine Frau kommt vor und sagt meinem Vater: "Hinter ihnen fährt ein Auto." Mein Vater dachte sich nur nona wir sind in Wien und ignorierte die Frau vorerst. Da sie aber keine Ruhe gab, schaute er bei der nächsten Haltestelle nach. Da ist ihm ein betrunkener Autofahrer hinten reingefahren und hatte die Kupplung im Kühlergrill. Der Autofahrer bekam anscheinend garnicht richtig mit, dass er von diesem E nur noch geschleppt wird und war immer noch im Wagen.

Nicht wirklich ein Unfall war dieses Szenario:
Eine etwas einsame Frau fuhr mit dem letzten 65er Richtung Oper. Sie redete mit meinem Vater über Gott und die Welt. Ihm war das eigentlich nicht wirklich wichtig und versuchte sich aufs Fahren zu konzentrieren. Leider gelang es ihm nicht und bei der Knöllgasse fuhr er einfach durch. (Die Haltestelle ist übrigens eine Sicherheitshaltestelle!) Es wär ihm nicht mal aufgefallen, wenn die Frau nicht "Jösas, jetzt muß i jo aussteign" gesagt hätte. Mein Vater bremste natürlich und lies sie aussteigen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er eine Sicherheitshaltestelle überfahren hatte.

Ein Kollege berichtete ihm auch mal davon, dass er mit der Blauen gefahren ist. Die Linie weiß ich jetzt nicht. Und er nicht weiter konnte, weil man ihm das Gleis entfernt hatte.

Ich hoffe die Geschichten haben euch gefallen!

mfg ulf67
15.11.2004, 09:10#18
RE: Aufgrund der vielen Anfragen...
Zitat
Original von ulf67
Leider gelang es ihm nicht und bei der Knöllgasse fuhr er einfach durch. (Die Haltestelle ist übrigens eine Sicherheitshaltestelle!)

Nette Stories, aber dennoch möchte ich eine Warnung anbringen: Vorsicht, was du erzählst - das Durchfahren einer Sicherheitshaltestelle ist normalerweise ein Grund für einen sofortigen Abzug vom Fahrdienst!

Übrigens gibt es auch hier ein nettes, wenn auch ziemlich peinliches Ereignis nachzulesen... :D
15.11.2004, 13:17#19
RE: Aufgrund der vielen Anfragen...
Zitat
Original von ulf67
Ein Kollege berichtete ihm auch mal davon, dass er mit der Blauen gefahren ist. Die Linie weiß ich jetzt nicht. Und er nicht weiter konnte, weil man ihm das Gleis entfernt hatte.

Sowas ist einmal am 5er passiert. Die Gleise bei der Albertgasse wurden durchtrennt, bevor die Blaue darübergefahren ist.

mfg Clemens
16.11.2004, 19:26#20
Eure Erzählungen - besonders von ulf67 - sind ja sehr amüsant, wenn man über einiges vielleicht auch nicht lachen sollte, und wenn, nur im stillen Kämmerchen. :D